Der Instinkt, einen verstorbenen Angehörigen vor der Beerdigung oder Einäscherung zu küssen, ist stark und emotional tiefgreifend. Für viele Menschen ist diese letzte Geste ein wesentlicher Ausdruck von Liebe, Abschied und Respekt. Gesundheitsexperten warnen jedoch vor diesem Brauch und weisen darauf hin, dass der Körperkontakt mit einem Leichnam – insbesondere das Küssen des Gesichts – vermeidbare Gesundheitsrisiken bergen kann.
Obwohl das Berühren oder Küssen von Verstorbenen in vielen Kulturen, darunter im Nahen Osten, in Afrika und auf dem indischen Subkontinent, ein gängiger Brauch ist, betonen Infektiologen, dass diese Tradition gefährlich sein kann, wenn die Todesursache eine ansteckende Infektion ist. Die Absicht mag liebevoll sein, doch das Risiko ist real.
Warum Gesundheitsbehörden vor engem Kontakt warnen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät der Öffentlichkeit seit Langem zu besonderer Vorsicht im Umgang mit Leichen von Personen, die an Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Hepatitis, COVID-19, Meningitis und verschiedenen hämorrhagischen Fiebern verstorben sind.
Je nach Krankheit und Krankheitsdauer können Krankheitserreger nach dem Tod noch eine gewisse Zeit auf der Haut, in Körperflüssigkeiten und in den Atemwegen verbleiben . Auch wenn der Verstorbene die Infektion nicht mehr durch die Atmung verbreiten kann, stellen Mikroorganismen auf der Körperoberfläche weiterhin eine Gefahr dar, wenn sie berührt werden oder mit Augen, Nase oder Mund in Kontakt kommen.
In den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo Familienangehörige oft eng um die Verstorbenen zusammenkommen, insbesondere in Momenten gemeinsamer Trauer, ist laut Ärzten ein größeres Bewusstsein erforderlich. Dies gilt insbesondere, wenn ein Angehöriger im Krankenhaus oder während eines Ausbruchs einer Infektionskrankheit stirbt, da die Todesursache mit Infektionserregern zusammenhängen kann.
Ein in den USA ansässiger Spezialist für Infektionskrankheiten erklärt, dass bestimmte Viren und Bakterien nach dem Tod noch Stunden oder in manchen Fällen sogar Tage überleben können.
Er weist darauf hin, dass das Berühren oder Küssen des Gesichts, der Augen oder des Mundes des Verstorbenen, bevor der Leichnam ordnungsgemäß desinfiziert oder vorbereitet wurde, das Ansteckungsrisiko erhöht .
Kulturelle Traditionen und sich wandelnde religiöse Richtlinien
In der islamischen Tradition hat die Verstorbenenehrung eine tiefe spirituelle Bedeutung. Die rituelle Waschung und Vorbereitung des Leichnams werden mit Sorgfalt, Würde und Andacht durchgeführt. Gelehrte und Geistliche haben ihre Richtlinien jedoch zunehmend an moderne medizinische Erkenntnisse angepasst – insbesondere nach globalen Gesundheitskrisen wie der Covid-19-Pandemie.
Viele religiöse Autoritäten raten Familien mittlerweile, engen Körperkontakt zu vermeiden, bis geschultes Personal den Leichnam unter hygienischen Bedingungen gewaschen, desinfiziert und eingehüllt hat. Dieser Ansatz bringt religiöse Ehrfurcht mit dem Schutz der Lebenden in Einklang.
Während des Covid-19-Ausbruchs setzten die Gesundheitsbehörden in der gesamten Golfregion strenge Protokolle für den Umgang mit Leichen durch. Der physische Kontakt mit den Verstorbenen wurde vorübergehend verboten, wodurch das Bewusstsein für die Risiken einer postmortalen Infektion geschärft und die Bedeutung sicherer Bestattungsriten unterstrichen wurde.
Lehren aus vergangenen Ausbrüchen
Erfahrungen aus Afrika und Teilen des Nahen Ostens haben die Gefahren des Umgangs mit Leichen ohne angemessene Vorsichtsmaßnahmen weiter verdeutlicht. Während Ausbrüchen von Ebola und dem Marburg-Virus blieben Leichen hochinfektiös, was Regierungen veranlasste, spezialisierte Bestattungsteams einzusetzen, die in der Verhinderung der Virusübertragung geschult waren.
Diese Ereignisse haben uns auf schmerzhafte, aber entscheidende Weise vor Augen geführt: Selbst nach dem Tod können bestimmte Krankheitserreger jeden infizieren, der den Leichnam ohne Schutzmaßnahmen berührt. Der emotionale Wunsch, einen geliebten Menschen zu umarmen oder zu küssen, muss mit einer realistischen Risikobewertung abgewogen werden.
Moderne Sicherheitsmaßnahmen und praktische Hinweise
Experten weisen darauf hin, dass moderne Bestattungsdienstleistungen – bei korrekter Anwendung – das Infektionsrisiko deutlich verringern. Die Desinfektion, Waschung, Einhüllung und Vorbereitung des Verstorbenen dienen dem Schutz der Angehörigen und der Allgemeinheit.
Dennoch ermutigen Gesundheitsexperten Familien, die sich für die Durchführung von Wasch- oder Vorbereitungsritualen entscheiden, Folgendes zu tun:
- Einweghandschuhe tragen
- Direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten vermeiden ,
- Beschränken Sie den Kontakt mit dem Gesicht und
- Befolgen Sie die Anweisungen des geschulten Personals.
Diese Maßnahmen gewährleisten sowohl die Würde als auch die Sicherheit.
Trauer, Liebe und informierte Vorsicht
Der emotionale Drang, einen geliebten Menschen zum Abschied zu küssen, ist zutiefst menschlich und vollkommen verständlich. Er spiegelt Liebe, Sehnsucht und den Wunsch nach Nähe in einem Moment tiefen Verlustes wider. Dennoch betonen Ärzte und Experten für öffentliche Gesundheit, dass umsichtige Vorsicht weiteren Kummer verhindern kann, indem sie die Zurückgebliebenen schützt.
Indem Familien kulturelle und religiöse Traditionen respektieren und gleichzeitig medizinische Empfehlungen befolgen, können sie ihre Gesundheit schützen und den Verstorbenen dennoch würdevoll gedenken. In diesem Gleichgewicht zwischen Liebe und Vorsicht können Gemeinschaften Mitgefühl und Sicherheit bewahren und so gewährleisten, dass die Hinterbliebenen in ihrer Trauer und Erinnerung geschützt sind.