Es gibt Häuser, die einfach leer stehen. Und dann gibt es jene, bei denen man hineingeht und es so wirkt, als wären die Besitzer erst vor einer Minute in den Garten gegangen. Genau das entdeckte der britische Fotograf Dean Slader in der Nähe der Stadt Fleetwood im Nordwesten Englands.
Foto © Dean Slader
Ein Hobby, das zu einer ungewöhnlichen Entdeckung führte
Dean reist seit vielen Jahren durch Großbritannien und sucht nach Gebäuden, die von ihren Besitzern sich selbst überlassen wurden. Alte Fabriken, leerstehende Schulen, verlassene Cottages. Er fotografiert sie, erforscht ihre Geschichte und fängt die Spuren fremden Lebens in seinen Bildern ein.
Man sollte meinen, nach Hunderten solcher Orte könne ihn nichts mehr überraschen.
Doch dieses Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert verblüffte selbst ihn.
Foto © Dean Slader
Siebzig Jahre Leerstand – und das Haus steht noch
Das Beeindruckendste ist, dass das Anwesen in sieben Jahrzehnten ohne Besitzer nicht zu einem Trümmerhaufen verkommen ist. Die Mauern sind intakt, das Dach steht noch, die Fenster sind nicht vom Wind herausgerissen worden.
Von außen sieht das Gebäude aus, als ob hier noch jemand wohnt: Die Tür öffnet sich gleich, und eine Frau mit einem Eimer erscheint auf der Schwelle.
Die Briten verstehen übrigens viel von solider Bauweise. Dickes Mauerwerk, hochwertiger Mörtel, ein durchdachtes Entwässerungssystem – all das, wofür heutige Besitzer alter Häuser bei Restaurierung und Gebäudeversicherung viel Geld ausgeben.
Die Handwerker jener Zeit bauten nicht für zehn Jahre, sondern für Jahrhunderte.
Im Inneren ist die Zeit stehen geblieben.
Doch das Interieur ist eine andere Geschichte. Unheimlich und gleichzeitig faszinierend.
Alles ist an seinem Platz. Die Möbel wurden nicht verrückt. Geschirr, Nippes, Haushaltsgegenstände – alles ist so angeordnet, als ob vor einem Augenblick noch ein ganz normaler Tag in den Räumen stattgefunden hätte. Jemand kochte, jemand putzte, jemand rief die Kinder zum Tisch.
Nur zwei Details zerstören diese Illusion: eine fingerdicke Staubschicht und Tapete, die sich in Fetzen von den Wänden löst. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen – still und leise, ohne die Ordnung zu beeinträchtigen.
Es scheint, als sei die Familie hier im Nu zusammengekommen und wieder abgereist. Ohne Koffer. Ohne Abschied. Einfach die Tür hinter sich geschlossen und nie wieder zurückgekehrt.
Foto © Dean Slader
Die Zeitung, die das Datum verriet
Dean begann nach Hinweisen zu suchen – und wurde schnell fündig. Zunächst das Interieur selbst: die Formen der Möbel, Muster, Farben, charakteristisch für die Mitte des letzten Jahrhunderts. Dann der wichtigste Zeuge – die aufgeschlagene Zeitung. Sie trug die Jahreszahl 1950.
Es stellte sich heraus, dass das Haus um diese Zeit verlassen wurde. Und seitdem hat es niemand mehr betreten.
Foto © Dean Slader
Kinderspielzeug, das nie jemandem begegnet ist
Der Fotograf ging durch die Räume und fotografierte alles, was er sah. Und hier wird es wirklich traurig.
Kinderspielzeug. Ein Kinderwagen. Möbel, die seit siebzig Jahren unberührt geblieben sind. Dinge, die einst in Händen gehalten, mit den Wangen angelehnt, um die gestritten und die man sich wieder versöhnt hat. Nun liegen sie verstaubt in einem leeren Haus.
Dieser Teil der Bilder jagt einem eine Gänsehaut über den Rücken. Nicht Spinnweben und dunkle Ecken – sondern gewöhnliche Haushaltsgegenstände, die ihre Besitzer überlebt haben.
Foto © Dean Slader
Wer lebte hier?
Slader konnte nicht einfach gehen und die Sache vergessen. Das geheimnisvolle Spukhaus ließ ihm keine Ruhe, also fragte er die Einheimischen.
Und so erfuhr er: Einst lebte hier eine Familie: eine Frau namens Mary Cowell und ihre beiden Söhne. Laut Nachbarn herrschte zwischen den Brüdern jahrelang eine Fehde – die Art von Fehde, die man im Dorf nicht verbergen kann. Und als die Mutter starb, wurde beschlossen, das Anwesen keinem der beiden zu vererben.
Und so blieb das Haus unbewohnt. Nicht verkauft, nicht geteilt, nicht umgeschrieben. Einfach geschlossen.
Das Erbe, das zur Falle wurde.
Ehrlich gesagt, die Geschichte ist sehr bekannt. Wie viele solcher Häuser stehen in ukrainischen Dörfern – mit zerbrochenen Fenstern, einem verwilderten Garten, in dem sich anstelle von Erbschaftsdokumenten ein Gewirr aus Familienstreitigkeiten türmt. Die Brüder konnten sich nicht einigen, die Schwestern stritten, jemand ging und kam nicht zurück – und das Haus steht noch.
Anwälte, die sich mit Erbschaftsangelegenheiten befassen, sagen dasselbe: Die meisten dieser Tragödien beginnen nicht mit Papieren, sondern mit Schweigen.
Die Familie vermeidet es so lange wie möglich, über das Anwesen zu sprechen. Und dann gibt es niemanden mehr, mit dem man reden kann – nur noch das Gericht, die Anwaltskosten und die leeren Wände, die langsam verstauben.
Ein britisches Bauernhaus in der Nähe von Fleetwood dokumentierte diese Situation in ihrer reinsten Form. Niemand gewann in diesem Streit. Nur die Zeit gewann – und ein wenig der Fotograf, dem es gelang, alles festzuhalten.
Was wird nun daraus?
Bisher – nichts. Das Haus steht noch, und sein Zustand ist besser, als man erwarten würde. Doch das feuchte britische Klima wird seine Spuren hinterlassen: Die Tapeten sind bereits abgenutzt, nun sind die Decken an der Reihe.
Und bis dahin bleibt das Anwesen eine seltsame Zeitkapsel, in der es für immer 1950 ist, eine Zeitung auf dem Tisch liegt und ein Kinderspielzeug auf Hände wartet, die es nie wieder aufheben werden.