Jeder Gedanke an die Toten ist wie eine unsichtbare Glocke: Das sagte der deutsche Physiker Schiebeler.

Wenn Trauer zur Kette wird

Schiebeler erzählte viele Geschichten. In einer davon sagte der Geist eines kürzlich Verstorbenen zu seiner Mutter:
„Weine nicht um mich. Deine Gedanken bringen mich zurück, und es fällt mir schwer, loszulassen.“

Seine Worte finden bemerkenswerte Parallelen zu den Erzählungen von Menschen, die den klinischen Tod erlebt haben. Viele von ihnen sagten dasselbe:  „Ich fühlte mich dort ruhig … aber die Gebete und Tränen meiner Angehörigen zogen mich irgendwie zurück.“

Es zeigt sich, dass tiefe Trauer wie eine unsichtbare Kette zwischen den Welten wirkt.
Und es lohnt sich, darüber nachzudenken: Jedes Mal, wenn wir uns bis zur Erschöpfung weinen, berühren wir im Grunde diejenigen, die weiterziehen müssen.

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Wenn die Liebe zur haltenden Kraft wird

Gertrude Reischs Geschichte bestätigt dies.
Nach dem Tod ihres Mannes bestand ihr Leben nur noch aus Friedhofsbesuchen, langen Gesprächen mit dem Grabstein und endlosen Tränen. Erst die zufällige Lektüre von Schiebelers Artikel ließ sie innehalten:  „Was, wenn ich ihn am Gehen hindere? Was, wenn meine Tränen ihn zurückhalten?“

Nach einer Weile spürte sie die Anwesenheit ihres Mannes – nicht wie in einem Traum, sondern als stünde er direkt neben ihr. Ein kurzer, stiller Abschied.
„Es war, als wollte er sagen: ‚Lass los‘“, schrieb sie.

Dieser Moment wurde für sie zum Wendepunkt. Zum ersten Mal erkannte sie, dass Liebe nicht nur bedeutet, jemanden festzuhalten, sondern auch, ihm zu erlauben, weiterzugehen.


Schiebeler: Die Persönlichkeit verschwindet nicht nach dem Tod

Der Physiker behauptete, dass sich ein Mensch nach dem Tod nicht auflöst.
Er ändert zwar seine Existenzform, behält aber sein Wesen.

Diese Vorstellung erinnert an Platons:  „Der Tod ist die Rückkehr der Seele zu ihrem Ursprung.“
Wenn dem so ist, dann erreichen unsere Gedanken – selbst nach dem Tod eines geliebten Menschen – immer noch den Empfänger, für den sie bestimmt sind.

Und deshalb ist es wichtig,  Trauer nicht in einen endlosen Strom bedrückender Signale zu verwandeln .


Wie man richtig “anruft”

Schiebeler betonte:
Es geht nicht darum, die Toten zu vergessen.
Erinnerung sollte warm, hell und ruhig sein.

Er sagte:
„Erinnert euch mit Liebe an sie und wünscht ihnen alles Gute. Haltet sie nicht mit Schmerz zurück.“

Ein Schrei der Verzweiflung ist ein schwerer Ruf.
Eine schöne Erinnerung ist sanft und hell.

Rilke lehrte auch:  „Der Tod ist nur die von uns abgewandte Seite des Lebens.“
Ein Mensch verschwindet nicht. Er geht einfach weiter.


Es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen von uns zu entscheiden, was wir den Verstorbenen schicken.

Jeder Gedanke, den wir haben, ist wie ein Klingeln an der Tür.
Jedes „Ich kann nicht ohne dich leben“,
jede Träne,
jeder schwere Abend vor einem Foto.

— All dies ist Energie, die wir aussenden.

Manchmal tut es weh.
Manchmal wärmt es.

Wir haben die Wahl:
mit Schwere oder mit Leichtigkeit erklingen zu lassen.

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